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Interview vom 24.05.2002

Nach über tausend Lesungen zu Hitlers "Mein Kampf" bist du nun mit Goebbels Reden unterwegs. Wie nimmt man da selbst keinen Schaden?

Serdar Somuncu: Ich weiß, dass viele Zuschauer denken, der Schauspieler könne sich nicht von seinen Rollen trennen, oder umgekehrt. In Wirklichkeit ist das Spielen jedoch eine nüchternere Angelegenheit. Nach dem Applaus ist der Bart ab, und ich bin ein ganz normaler Mensch. Sonst würde auch jeder Psychiater durchdrehen müssen, bloß weil er täglich mit Bekloppten zu tun hat, und die Nutte hat auch nicht bei jedem Bums einen Orgasmus. Die Fragestellung ist für mich nur interessant, weil die Menschen offensichtlich immer noch glauben Hitler und Goebbels wären so erregend, dass man sie nicht zu einer gewöhnlichen Rolle degradieren könnte, ohne dabei Schaden zu nehmen, womit auch klar wäre, wer bei der Sache den eigentlichen Orgasmus hat.

Was möchtest Du mit diesen Stücken erreichen?

Serdar Somuncu: Alles und nichts. Ob Aufklärung oder Unterhaltung, berechnende Arglosigkeit oder spielerische Nachdenklichkeit, umständliche Entkrampfung oder kreative Anspannung, Anklage oder Verteidigung, das ist immer abhängig von den Zuschauern. Kommt jemand mit einer Erwartungshaltung in mein Stück, so reizt es mich diese zu enttäuschen. Theater ist Bewegung und nicht Stillstand.
Im Moment kommen zum Beispiel Zuschauer, die in "Mein Kampf" waren und erwarten, dass alles noch einmal genauso funktioniert, dass sie lachen, dass es ernst wird, schnell und langsam, hoch und tief. Dabei vergessen die Leute aber, dass "Mein Kampf" nur so lange gut war, wie keiner wusste, was darin passiert. Das einzig Spannende ist also aus diesen Anti-Texten Neues herauszuholen. Sobald es sich wiederholt, ist es nicht mehr neu. Das ist auch der Grund, warum ich mit den Lesungen aufgehört habe, obwohl ich bis zum Jahre 2010 hätte spielen können, so viele Anfragen gab es.
Dann hätte ich zwar meine Kohle verdient, und die Leute hätten ihre Literatur-Reproduktions-Opernglas-Mentalitäts-Kacke auf ewig mit mir durchgezogen, aber eine wirkliche Weiterentwicklung wäre das nicht gewesen. Für mich ist das Wesentliche an meiner Arbeit, das ich glaubwürdig bleibe, also auch auf der Bühne nicht nur reproduziere, sondern auch interpretiere und jeden Abend aufs Neue ein Risiko eingehe. Dabei kann ich scheitern. Wenn es aber klappt, ist genau das der Schlüssel zum Erfolg.

Glaubst Du, dass die gewollte Diskussion um Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in den vergangenen Jahren tatsächlich etwas bewegt hat?

Serdar Somuncu: Vielleicht die Füße der politisch Korrekten, aber nicht die Köpfe der unpolitisch Desorientierten. Es ist egal ob in Holland, Frankreich oder Deutschland. Fest steht: der Virus der Intoleranz grassiert weiter. Nationalistische Hetzparolen fallen weiterhin auf fruchtbaren Boden und wer, zuweilen sogar absichtlich, den Dünger streut, der ist mitschuldig für die degenerierten Auswüchse seiner Saat. Kurz gesagt: Mir kommt die Kotze, wenn ich Laurenz Meyer von der Einwanderung "in die Sozialsysteme" sabbern sehe. Da scheint einer seine Verantwortung für den Aufbau einer humanistischen Gesellschaft der bedingungslosen Suche nach verlorener nationaler Identität unterworfen zu haben. Ganz zu schweigen von Angela Merkel, die als "Ossi" ein Ende der multikulturellen Gesellschaft verkündet, obwohl sie selbst ein assimilierter Teil davon ist. Oder Martin Walser, der ganz ungeniert behauptet, der erste Weltkrieg habe Versailles ermöglicht und Versailles habe Hitler möglich gemacht, so als wäre Versailles und nicht die deutsche Lust an der Vernichtung am Holocaust schuld. Entweder er kann kein deutsch oder er kann impotente Leitkultur nicht von insolventen Leitgedanken unterscheiden. Die Frage ist also nicht ob und was, sondern nur in welche Richtung sich etwas bewegt hat.

Du hast ja etliche Theaterstücke inszeniert und auch begehrte Preise erhalten, wirst du dich nun vorwiegend politischem Theater widmen?

Serdar Somuncu: Theater ist für mich immer politisch. Es ist ein fundamentales Missverständnis unserer überamerikanisierten Gesellschaft, dass die Menschen Theater als Teil eines Belustigungs- und Unterhaltungsapparates betrachten. Schon die alten Griechen wussten, dass Theater als künstlerisches Podium für politische Auseinandersetzungen wichtig und bereichernd ist. Dieser Anachronismus in der Wertschätzung ist heute zwar schwer zu vermitteln, aber gleichzeitig auch ein wichtiger Ansporn im Kampf gegen die Diktatur des Trivialen.

  Du bist in den letzten Jahren zu einer Art reisendem Theatermacher geworden. Lockt Dich bei Deinen Qualifikationen nicht die Leitung eines renommierten Hauses?

Serdar Somuncu: Wenn meine Qualifikation darin besteht, meine Meinung möglichst flächendeckend zu verbreiten und das auf gleichbleibendem Niveau, dann haben wir doch auch gleich den Grund dafür, weshalb niemand mich dazu einladen würde eine Intendanz zu übernehmen. Wenn es nämlich eine politische Seite des Theaters gibt, dann ist es seine strukturelle Abhängigkeit von wechselnden Machtkonstellationen und der Grabenkampf der Funktionsträger hinter den Kulissen. Die Intendanten der städtischen Bühnen sind vor allem auch Gefangene einer staatlichen Zuschusspolitik und eines obskuren Bildungsauftrages. Eine Kunst die aus Kompromissen entsteht ist künstlich. Was hätte ich also da schon verloren?

Du wirst oft als Quertreiber bezeichnet, trifft das den Kern?

Serdar Somuncu: Für diejenigen, deren selbstdefinierte Gradlinigkeit das Maß aller Dinge ist schon. Für mich sind das die eigentlichen Quertreiber.

Mit Goebbels und Hitler warst und bist Du viel in Schulen zu Gast - fühlst Du Dich da als Lehrer und Geschichtsaufklärer?

Serdar Somuncu: Das mit dem "guten Draht" zu den "jungen Menschen" ist so ein geschwollener Gedanke, der mir nicht besonders gefällt. Das wirkt ein wenig so, als wäre ich eine Art Jugendguru. So bedingungslos ist die Sache jedoch nicht. Es gibt viele Faktoren, die ein Gespräch mit Schülern wichtig und spannend machen. Der Erfolg meiner Schulgastspiele ist aber nicht mein Aufklärungsanspruch, sondern die Überschreitung und Aufhebung der sprachlichen Barriere. Außerdem bin ich Schauspieler und nicht Pädagoge. Die Schüler schätzen es, dass man über Geschichte in einem lockeren Ton sprechen kann, weil sie ihre Fragen dann besser verstanden wissen, wenn jemand sie in ungewohnter Form beantwortet. Es ist vor allem auch ein Gebot der Ehrlichkeit, wenn ich nicht immer, wenn das Thema "Nationalsozialismus" angeschnitten wird mit halbgeöffneten Augen Betroffenheitslitaneien zelebriere, sondern versuche eine zeitgemäße Herangehensweise zu erproben, welche das Interesse der jungen Zuschauer für ein spannendes Thema wecken soll.

Auf der Jugendmesse Young Life in Frankfurt (Oder) bist Du bereits das zweite Mal zu Gast. Reizt Dich das Flair einer Veranstaltung an einer Grenze, die ja auch für Hitler und Goebbels eine große Rolle spielte?

Serdar Somuncu: Nein. Denn für mich sind unsichtbare Grenzen wichtiger als Sichtbare. Außerdem war es beim letzen Mal sehr laut. Ich hoffe, diesmal werden wir mehr in die Tiefe gehen können. Und dafür braucht man Ruhe, auch wenn man auf einer Jugendmesse ist und eigentlich zwischen dem Halfpipeschaukeln gegen Rechts und dem Breakdance für Toleranz mal ein bisschen über Goebbels kichern wollte.

Was erwartet die Zuhörer dort?

Serdar Somuncu: Das Gegenteil von dem was sie erwarten.

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